Hipp Matthäus
Einleitung
Matthäus Hipp, auch der „Schweizer Edison“ genannt, ist Kaufmann, Unternehmer und Ehrendoktor. Der gebürtige Deutsche baute sein Lebenswerk in der Schweiz auf und machte sich mit unzähligen Erfindungen einen Namen. Der geniale Kopf gründete 1860 seine eigene Firma. Sie wurde zur ersten Adresse für viele spätere Unternehmer, die Berufserfahrung sammeln und sich weiterbilden wollten.
Porträt
Am 25. Oktober 1813 erblickt Matthäus Hipp im württembergischen Blaubeuren (D) das Licht der Welt. Sein Vater betreibt die Mühle des ehemaligen Benediktinerklosters. Sie besteht aus einer Getreidemühle, einem Sägewerk und einer Ölmühle mit Presse.
Im Alter von 8 Jahren verletzt sich Matthäus beim Klettern am Felsen schwer am linken Fuss. Die Verletzung ist so schwer, dass er jahrelang bettlägerig ist und sein Leben lang mit einem verkürzten Bein leben muss. Durch den Unfall kann er nicht mehr zur Schule gehen und nicht mehr mit seinen Freunden spielen. In den folgenden Jahren erhält er Privatunterricht und lernt, sich selbst mit all den Dingen zu beschäftigen, die ihn interessieren. Seine Vorliebe gilt der Mechanik.
Mit sechzehn Jahren beginnt Matthäus eine Uhrmacherlehre bei Johannes Eichenhofer in Blaubeuren. 1832 wechselte er in die renommierte Ulmer Klein- und Grossuhrenfabrik Valentin Stoss. Zwei Jahre später zieht er in die Schweiz und arbeitet in St. Gallen. Eines Nachts löste er ein technisches Problem, das ihn schon lange beschäftigt hatte: Er fand eine Methode, das Pendel einer Uhr durch elektromagnetische Impulse in Bewegung zu halten. Um 4 Uhr morgens wacht er auf und kann nicht mehr einschlafen. Sofort notierte und skizzierte er die Lösung auf einem Blatt Papier, wohl wissend, dass er mit der Umsetzung warten musste. Als einfacher Uhrmachergeselle hätte er kaum jemanden gefunden, der den Wert seiner Erfindung erkannt hätte. Erst neun Jahre später präsentiert Hipp den elektromagnetischen Antrieb auf der Berliner Ausstellung.
Nach einem Aufenthalt in St. Gallen zieht er nach Saint-Aubin, kehrt aber später nach Deutschland zurück, wo er 1840 in Reutlingen eine eigene Werkstatt eröffnet.
Bald darauf heiratet er Johanna Plieninger und sie bekommen drei Töchter und einen Sohn. Karl Theodor war hochbegabt und wäre Jahre später der ideale Nachfolger seines Vaters gewesen, um die Telegrafenwerkstatt in Neuenburg weiterzuführen. Doch er erkrankt an Tuberkulose und stirbt früh.
1852 kehrt der Württemberger Matthäus Hipp in die Schweiz zurück und baut sein Lebenswerk auf. Hipp löst technische Probleme mit Leichtigkeit und ist mit seinen unzähligen Erfindungen meist sehr erfolgreich. Zeitgenossen nennen ihn deshalb oft den „Schweizer Edison“.
Seine letzten Lebensjahre verbringt er bei seiner Familie in Zürich Fluntern. Am 3. Mai 1893 stirbt er und wird auf dem Friedhof Fluntern beigesetzt.
Vom Leiter der Telegraphenwerkstätte zur Gründung eines eigenen Unternehmens
1848 legte der schweizerische Bundesstaat in seiner Verfassung fest, dass das Postwesen dem Bund und das Münzwesen der Eidgenossenschaft unterstand. Als einige Jahre später der Telegraf eingeführt wird, betrachten Bundesrat und eidgenössische Räte den Telegrafen als Teil des Postwesens und unterstellen ihn dem Bund.
Für die Einrichtung des Telegrafendienstes zieht der Bundesrat den Experten Professor Carl August Steinheil aus Wien bei. Dieser rät, die einzelnen Teile der Apparate in geeigneten Fabriken herstellen zu lassen und sie dann in einer eigenen Werkstatt selbst zusammenzubauen. Daraufhin ermächtigt der Bundesrat das Post- und Baudepartement, eine Werkstätte nach Steilheils Vorgaben einzurichten und einen geeigneten Werkmeister anzustellen.
Unter den Bewerbern befinden sich in- und ausländische Fachleute, vor allem Uhrmacher. Die Bewerber sind:
- Peter von Salis aus Soglio
- Meinrad Wendel Theiler aus Einsiedeln
- W. Süss aus Marburg in Kurhessen
- Matthäus Hipp aus Reutlingen
- Karl Kaiser aus Rapperswil
Es ist vorgesehen, dass die Werkstatt von zwei Werkführern geleitet wird. Laut Steinheil erfüllt keiner der Bewerber die Voraussetzungen für diese Aufgabe. Dennoch werden am 22. März 1852 Matthäus Hipp und Karl Kaiser gewählt.
Kaiser wird bereits nach wenigen Monaten als Inspektionsmechaniker nach St. Gallen berufen, während Hipp die alleinige Verantwortung für die Werkstätte in Bern behält. Hipp ist gleichzeitig Vorsteher der staatlichen Telegraphenwerkstätte in Bern und technischer Leiter des schweizerischen Telegraphenwesens. Daneben ist er als selbstständiger Erfinder tätig.
Diese Doppelfunktion als Beamter und Erfinder führt zu Schwierigkeiten und 1859 schränkt der Bundesrat Hipps Selbstständigkeit und Unabhängigkeit stark ein. Unzufrieden mit dieser Situation kündigt Hipp seine Anstellung am 20. Juli 1860, zieht nach Neuenburg und gründet dort seine eigene Firma unter dem Namen „Fabrique des télégraphes M. Hipp“.
Das Lebenswerk in Neuchâtel
In Neuenburg kann Hipp sein Forschungs- und Arbeitsprogramm frei von behördlichen Auflagen gestalten. Hipps Telegraphenfabrik läuft von Anfang an gut und kann 1862 in ein grösseres Gebäude umziehen, das ehemalige städtische Kornhaus Les Terraux 9. Hipp stellt verschiedene elektrische Apparate her und wendet sich auch wieder den Uhren zu, wobei es ihm gelingt, die perfekteste elektrische Pendeluhr zu konstruieren.
Als 1877 in Amerika die Erfindung des Telefons bekannt wird, greift er diese Neuheit sofort auf und lässt sich ein Mikrofon mit Platinkontakt patentieren. Die Telefone, mit denen 1877/78 im Tessin umfangreiche Sprechversuche durchgeführt wurden, stammten aus Hipps Fabrik.
Die Firma Hipp in Neuenburg ist weit über die Region hinaus bekannt. Viele lassen sich dort ausbilden. So auch der Lehrer Timotheus Rothen, der seinen Beruf aufgab, um bei Hipp zu arbeiten. Später wechselte er zur Telegraphenverwaltung, wo er es bis zum Direktor brachte. Ein Junge namens Täuber absolvierte seine Lehre in Neuenburg. Nach seinem Studium arbeitete er als Ingenieur und wurde später Teilhaber der Firma Trüb, Täuber & Co. AG. Auch Alfred Zellweger und Fritz Eckenfelder lernten bei Hipp und gründeten später eigene Firmen. Wilhelm Ehrenberg arbeitete 16 Jahre bei Hipp und wurde durch sein Konzessionsgesuch für den Bau einer „Central-Telephon-Station in Zürich” bekannt. Auch Ausländer wie der Schwede Lars Magnus Ericsson, der die gleichnamige Weltfirma gründete, halten sich in Neuenburg auf.
Abgesehen von einer Verletzung, die er sich beim Klettern in den Felswänden von Blaubeuren zugezogen hatte, erfreute er sich bester Gesundheit. Im Jahr 1883 erlitt er im Alter von 70 Jahren einen Herzinfarkt, erholte sich davon und konnte das Unternehmen weitere fünf Jahre führen. Auf ärztlichen Rat hin zieht er sich schliesslich am 15. Februar 1889 aus dem Geschäft zurück und übergibt die Firma seinen Nachfolgern Albert Favarger und Alfred de Peyer.
Hipp verlässt Neuenburg und zieht mit seiner Familie nach Zürich.
Autor: Martin Feuz
Änderungsindex:
2023/2025: Artikel überarbeitet.
2015: Artikel verfasst.
Quellennachweis:
- Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Band 12
- Hundert Jahre elektrisches Nachrichtenwesen in der Schweiz, Band I
Bildmaterial:
- Portrait Hipp: Bild FC 001909 mit der Einwilligung des Museums für Kommunikation, Bern
